Afrika wird als Kontinent für die deutsche Wirtschaft immer interessanter. Dennoch ist es für viele deutsche Unternehmen noch sehr unbekanntes Terrain. Es ist ja auch, wider landläufiger Meinung, nicht EIN LAND, sondern ein riesiger Kontinent mit vielen Facetten, Ländern, Kulturen und noch mehr Sprachen.

Ich bin der Meinung, man kann so viel über Länder lesen, wie man will, es geht nichts über Erfahrung aus erster Hand vor Ort. Daher traf ich mich mit Daniel Preuss zum Gespräch zur aktuellen Sicherheitslage in Tansania.

Daniel Preuss ist Gründer von „Streetkids international“ in Tansania und Geschäftsführer der Consultingfirma BCCM in Frankfurt. „Brand eins“ bezeichnete ihn einst als „der Missionar“. Das Gespräch ist sehr entspannt und beginnt mit den Worten: Wenn wir jetzt in Tansania wären, könnten wir hier nicht so sitzen.

Und wie dann?

Naja, es müsste immer noch eine Art Anstandsdame dabei sein. In Tansania kann ich noch nicht mal meine Mitarbeiterin im Auto mitnehmen, ohne dass geredet wird.

Wie auf Stichwort setzt sich der freundliche Golden Retriever Lilly an meine Seite. Ich vermute jedoch, dass sie einfach nur gekrault werden möchte.

Das ist schwer vorzustellen

Daher ist es auch super schwierig, wenn Menschen mit ihrer europäischen Sichtweise nach Tansania kommen. Klar, wir sind alle durch unsere Kultur geprägt und haben Präferenzen, aber dort muss man sich anpassen. Das ist nicht so einfach und muss trainiert werden. Damit Du weißt, wie Du Dich in Alltagssituationen verhalten musst. Die Freiheit, die wir hier haben kann dort als Aufforderung verstanden werden. Ein Blick in das Gesicht eines Fremden kann Dir als Frau ziemliche Probleme einhandeln, da es signalisiert: „Ich will wissen, was für ein Mann ist das“. Und der Mann denkt: „ach guck mal, die schaut mich an, die ist interessiert. Da geht was“. Natürlich abhängig vom Kontext – im Business und in den großen Städten sind die Dinge entspannter. Gehst Du raus aufs Land ist alles noch konservativer.

Das ist ein nicht ganz unwesentlicher Punkt, besonders für bekennende People Watcher und Networker wie mich, die gerne „einfach so“ mit Menschen sprechen

Ja, in Deutschland ist das, zumindest was Sicherheitsfragen anbelangt, relativ unverfänglich. Wir können als Männer und Frauen alle getrost miteinander im Auto fahren, an einem Tisch sitzen ohne dass sich irgendjemand etwas dabei denkt. In Tansania hat das gleiche Verhalten weitreichende Auswirkungen auf Themen wie Ehre, Freizügigkeit, Ruf usw. Eine Schamkultur, versus Schuldkultur die hier herrscht. „Einfach nur“ ein Blick ist die eigene kulturelle Brille.

Das kann man intellektuell erfassen, in der Praxis ist das sicher eine Herausforderung

Auf jeden Fall. Die Missionare zum Beispiel bereiten ihre Leute sehr genau vor, damit die bloße Theorie in Fleisch und Blut übergeht. Es gibt so ein paar Regeln, die musst Du einhalten, sonst kosten sie Dich das Leben. Traurig aber wahr. Da verstehe ich auch bei meinen Praktikanten keinen Spaß. Ich habe mittlerweile eine Checkliste mit Dingen, auf die meine Praktikanten achten müssen. Von Impfungen über Visumsfragen und interkulturelle Feinheiten. Verstoßen sie dagegen, schicke ich sie heim. So ist das nun mal. Die Konsequenzen kann ich nicht tragen. Interessanterweise klappt das am besten mit denjenigen, die noch nicht so viel internationale Erfahrung haben, da die nicht glauben, schon alles zu wissen.

Die Wahl der Kleidung spielt vermutlich auch eine große Rolle

 

Ja klar. Warmes Wetter verführt zum Tragen knapper Kleidung. Sonne = Urlaubsfeeling = kurze Hosen und mehr oder weniger knappe Shirts. Knappe Bikinis am Strand sind nicht gerne gesehen. Die meisten Menschen gehen bekleidet ins Wasser. Es ist eben ein muslimisch geprägtes Land, da ist es nicht weit her mit Freizügigkeit. Das sollte man akzeptieren, um nicht als promisk zu gelten und Respekt zu zeigen. Keine Schultern, kein Bauch, kein Knie. Bauchfreie T-Shirts geht gar nicht. In den Städten ist alles etwas moderner. Dennoch.

Und gegen Mückenstiche hilft Bedeckung ja auch

Lange helle Kleidung schützt vor Insekten und Ansteckung mit Malaria und anderen Krankheiten. Einsprühen sollte man sich dennoch. Ach ja, bei Männern gelten kurze Hosen als unerwachsen, da die nur die kleinen Jungs tragen. Etwas, das man aus Statusgründen beachten sollte, wenn man ernst genommen werden möchte. Will man im Business erfolgreich sein, sollte man auch stets sehr gepflegt auftreten. Mit Jeans und Flip Flops zu einem offiziellen Termin zu erscheinen geht gar nicht.

Und wie steht es mit dem Transport? Wie bewegt man sich am besten von A nach B?

Die Nutzung öffentlichen Transports und Taxis ist nicht ganz ungefährlich. Taxis am besten übers Hotel buchen oder einen Fahrer über eine bekannte Agency. Es kann vorkommen, dass Taxifahrer die Fahrgäste zwingen, mit ihrer Kreditkarte an Bankautomaten Geld abzuheben oder von Familienangehörigen Überweisungen über Western Union in die Wege zu leiten. Ich lasse mich daher am Flughafen von meinem Fahrer abholen.

 

Gibt es auch Straßensperren, aufgeschlitzte Reifen oder Nagelbretter auf dem Weg? Der Kreativität sind da ja keine Grenzen gesetzt

Überlandfahrten können sehr gefährlich werden. Kriminelle, bewaffnete Banden lauern Wagen auf, zum Beispiel an Straßensperren durch querliegende Bäume, drohen mit Waffen und rauben die Insassen des Wagens aus. Wenn es spät wird, übernachte ich in Dar es Salaam. Nachts nach Hause zu fahren ist einfach zu gefährlich.

Auch tagsüber unbedingt auf die Qualität des Autos achten. Zum einen kann man mit einem SUV zur Not einen Baumstamm umfahren, der als Straßensperre hingelegt wurde, und zum anderen sollte man es tunlichst vermeiden, irgendwo liegen zu bleiben. Gut, in einer Großstadt wie Dar es Salaam ist das alles nicht so streng. Das muss man differenzieren. Bei mir im Süden sieht das anders aus.

Und das Straßennetz ist oft sehr schlecht, da kommt es zu Unfällen. Das Tragische ist, man muss dann eher damit rechnen ausgeraubt zu werden, als dass man Hilfe bekommt. Verletzt man einen anderen Verkehrsteilnehmer kann es sogar zu Lynchjustiz kommen. Im Straßenverkehr ist daher äußerste Vorsicht geboten. Möglichst nicht selbst fahren und, wie gesagt, schon gar nicht nach Anbruch der Dunkelheit.

Und die Polizei, kommt die dann nicht?

Naja, oft hast Du kein Netz um sie anzurufen. Immer die Nummer einspeichern. Und oft hat sie kein Auto, um zu kommen oder hat selbst Angst. Wenn aber etwas passiert unbedingt zur Polizei oder ins Krankenhaus gehen. Am besten nie alleine.

Was tut man, wenn man doch mal in eine Straßensperre kommt?

Wenn doch was passiert ist mein persönlicher Tipp: Bargeld in Form vieler kleiner Scheine (500er Noten) mitführen und diese aus dem Fenster werfen. Während die Bandenmitglieder das Geld aufsammeln, versuchen, so schnell wie möglich wegzufahren.

 

Was sollte man beim Umgang mit Bargeld beachten?

Geld ist ein wichtiges Stichwort. Du musst dort Bargeld dabeihaben. Mein Tipp an meine Praktikanten: Näh dir in irgendeine alte Jeans Bargeld ein – am besten Euros, dafür bekommst Du vor Ort den besten Gegenwert – damit Du Reserve hast, falls irgendwas passiert. Kein Geldgürtel.

Nimm kleine Scheine mit und verteile das Geld auf mehrere Taschen. Falls Du ausgeraubt wirst, ist dann nicht alles weg. Kleine Scheine brauchst Du sowieso, sonst ist es mit Wechseln schlecht. 2000er Scheine kannst Du überall wechseln, 5000erist schon schwieriger und 10000er ist unmöglich. (Anm. 1 Euro entspricht zurzeit 2,361.57 TZS/ Tansania Schilling). Das macht dich zum Target, wenn Du mit großen Geldbündeln rumwedelst.

Gleiches gilt für Wertgegenstände: Handys, Laptops, Sneaker etc. das ist alles eine Einladung. Mit Laptoptaschen rumlaufen oder mit Laptop im Café sitzen, das geht gar nicht. Meinen Praktikanten habe ich mittlerweile untersagt mit Laptops das Zimmer zu verlassen. Tageseinkommen vor Ort sind ca. 2 Dollar. Das darf man nicht vergessen.

A propos mit Geld wedeln: wie sieht es mit Korruption aus?

Die Korruption wird zurzeit massiv bekämpft. Aber es ist halt so: dadurch fehlt das sonstige „kleine Geld“, was wiederum einen Anstieg der Kriminalität zur Folge hat. Man muss schauen, wie sich das entwickelt.

Die Kultur an sich ist eine sehr freundliche und die Menschen sind auch sehr freundlich. Es gibt aber halt die Not, die wir uns hier gar nicht vorstellen können. Die jungen Leute haben oft wenig Perspektive und keine Jobchancen. Das senkt die kriminelle Hemmschwelle, logisch.

Was muss man sonst noch zum Thema Sicherheit vor Ort beachten?

Wenn Du im Business Kontext mit Geschäftspartnern unterwegs bist, bewegst Du Dich dort relativ sicher. Gerade in den großen Städten. Da passiert Dir vermutlich nichts. Anders wird es, wenn du als Resident in Tansania lebst und Dich jeder kennt. Die großen Firmen haben daher alle Risk Manager vor Ort, sogenannte Evacuation paths und Funk Codes für Funkgeräte für den Notfall festgelegt und so weiter. Daher finde ich es auch gut, dass Du das Thema Sicherheit so auf dem Schirm hast.

Wie sieht es aus mit kulturellen Feinheiten, die darüber entscheiden, ob sich eine Tür öffnet oder eben nicht. Machst Du was falsch sagt dir das keiner. Die Tür ist trotzdem zu.

Ja, das sagt Dir keiner. Das gebietet die Höflichkeit und die Gastfreundschaft – und das face saving. Wenn ich zu Behörden gehe tue ich das auch immer ordentlich gekleidet und fordere nicht. Entgegen dem deutschen „Effizienz System“. Höflich warten bis man nach dem Anliegen gefragt wird. Beziehung aufbauen. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Ist halt schwierig, wenn man nicht viel Zeit hat. Die zwischenmenschliche Ebene ist wichtiger als Geld, Rang und akademischer Grad. Es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen. Das Zeitkonzept spiegelt sich übrigens auch in der swahelischen Sprache wieder. Das muss man wissen. Unbedingt mit dem Zeitsystem im Swahelischen beschäftigen, sonst kriegst Du Frust. Ein Beispiel: neun Uhr ist „die dritte Stunde morgens“.

Und wie wohnst Du in Tansania? Gibt es Gitter vor den Fenstern oder Guards?

Als Europäer ist man natürlich immer Ziel. Wir haben unsere Fenster mit Gittern und Schlössern gesichert. Guards gibt es auch.

Aber was machst Du, wenn da jemand mit einer Waffe steht?

Die Guards haben Angst um ihr eigenes Leben, wenn da drei Mann bewaffnet vor ihnen stehen. Ist ja klar. Man wird nicht zwangsläufig gleich erschossen, aber zumindest verletzt. Nicht weniger schlimm. Denn selbst wenn man „nur“ einen Messerschnitt abbekommt, kann der ohne schnelle medizinische Versorgung sehr schnell tödlich enden.

Wir wurden schon mehrfach überfallen. Da spielst Du nicht den Helden. Da gibst Du alles her was Du hast. Keine Diskussionen. Selbst die Turnschuhe. Entführungen spielen in Tansania keine Rolle. Das hast Du eher in Mozambique und anderen ostafrikanischen Ländern.

Was ist im Hinblick auf medizinische Versorgung zu beachten? Ich würde mit einer riesigen Notfallapotheke dorthin reisen.

Die brauchst Du auch, besonders wenn Du über Land fährst. In der Regenzeit ist es aufgrund der Straßenverhältnisse manchmal schwierig weiter zu kommen. Ich habe dann immer Medikamente dabei. Unbedingt. Eine Malaria kann dich ohne medizinische Versorgung innerhalb von drei Tagen umbringen. Sonstige Verletzungen infizieren sich ohne entsprechende Versorgung schnell. Zum Arzt kommst Du nicht. Also lieber mehr dabeihaben als zu wenig.

Und vermutlich auch immer ein Moskitonetz?

Moskitonetz ist Pflicht. Ich habe auch chemische Sprays gehen Moskitos dabei für Hotelzimmer. Das Netz muss bis zum Boden des Bettes reichen und sollte nicht Deine Haut berühren. Sonst stechen sie durch. Es muss fein genug sein und darf keine Löcher haben.

Wir könnten noch ewig sprechen. Ein sehr interessantes Gespräch. Vielen Dank für die umfangreiche Auskunft.

Weitere Info zu Daniel Preuss gibt es unter: Streetkids International www.helfensie.de , www.bccm-frankfurt.com und in brand eins: https://www.brandeins.de/archiv/2001/chancen/der-missionar/