Bekommt man eine Waffe an den Kopf gehalten, ist der Fall eindeutig. Hierbei handelt es sich offensichtlich um einen Akt von Kriminalität. Es gibt aber noch eine andere, sehr perfide Form von Kriminalität, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist: die Manipulation.

 

Wie äußert sich diese Form der Manipulation?

Leider tritt sie in unendlich vielen kreativen Formen auf und ist daher manchmal schwer zu erkennen. Hier ein paar Beispiele, die die Facetten verdeutlichen sollen. Ich habe sie selbst erlebt als ich zwischen 16 und 18 Jahre alt war.

Fingierte Notlage

Ein junger Mann sammelte am Bahnhof in Frankfurt Geld mithilfe der Kopie einer Einladung zum Vorstellungsgespräch in Berlin. Er könne sich das Ticket nicht leisten und wolle doch so gerne den Ausbildungsplatz haben. Die Kopie war schlecht und so dreckig wie er selbst. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass die Firma ihm das Ticket vermutlich bezahlt hätte und schenkte ihm eine Mark.

Klassischer Fall: Drückerbanden

Ein ganz klassischer Fall perfider Manipulatoren sind die Drückerbanden. Sie stellen geschickte Fragen und nageln einen dann auf die Antworten fest: „Finden Sie, dass Ex-Sträflinge, die ihr Leben umkrempeln wollen, eine zweite Chance verdienen?“ – Ja klar „Und sind Sie politisch interessiert?“ Unbedingt. „Investieren Sie gerne in Ihre Bildung?“ Absolut. Am Ende wird einem dann ein Abo für ein politisches Magazin angeboten. Um nicht als jemand dazustehen, der sein Wort nicht hält, lässt man sich widerwillig zu dem Abo breitschlagen. Man bezeichnet dieses Bedürfnis in Wort und Tat konsistent zu sein daher auch als Konsistenzprinzip. Das nutzen Manipulatoren schamlos aus.

Da ich damals mitten im Abi steckte, war jegliche weitere Literatur außerhalb meiner Bücher unwillkommen. Nein, ich bin kein Held. Er tat mir leid und ich schenkte ihm 5 Mark. Ich konnte gar nicht so richtig verstehen, dass er sich über die 5 Mark nicht so richtig freute, sondern mir doch lieber ein Abo verkaufen wollte. Nachdem ich dann Jahre später einen Bericht über die Vorgehensweise von Drückerbanden gesehen hatte, war mir klar, warum das so gelaufen war. Dennoch waren die 5 Mark gut investiertes Geld. Noch heute schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken, wenn jemand ein Gespräch mit „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ beginnt.

„Streetsmarts“

Eine Form der Manipulation, die mir in verschiedenen Ländern begegnete, nenne ich die „Streetsmarts“. Die Ereignisse finden meist auf der Straße statt und die Manipulatoren haben so eine gewisse gerissene Durchtriebenheit. Eine bessere Beschreibung ist mir noch nicht eingefallen.

Ein Beispiel aus Thailand:  Ein kleiner Junge kommt und bettelt mich an mit den Worten „I don’t want your money, I want milk!!“. Der Ton hatte etwas Bockig-Trotziges, das mir ein komisches Gefühl verursachte. Zu meinem Glück war ich mit jemandem unterwegs, der schon länger an dem Ort lebte und die Tricks kannte. Das Spiel lief so: ahnungsloser Tourist kauft völlig überteuerte Milch. Straßenkind tauscht sie hinterher im Laden wieder gegen Geld ein. Beide Parteien verdienen daran.

Bettelbanden

Ich werde nie vergessen, wie ich – ich war 16 – einer Frau mit Kind mein soeben teuer bezahltes belegtes Brötchen schenkte, da sie „Geld für Essen“ – ihr Ton war sehr weinerlich, dennoch hatte sie etwas Aggressives an sich – haben wollte. Das Brötchen war noch unversehrt, ich schenkte es ihr, obwohl ich selbst echt Kohldampf hatte. Sie ging weg und warf es vor meinen Augen in den nächsten Mülleimer. Autsch.

Fingierte Mißgeschicke

Dann gibt es noch die fingierten Mißgeschicke. Jemand täuscht vor, von Ihnen soeben auf der Strasse angerempelt worden zu sein. Jetzt liegt sein Essen/ die teure Flasche Wein auf dem Boden. Dem Ganzen folgte dann in etwa „Sie haben mich um mein Abendessen/ meine Feier gebracht. Jetzt habe ich kein Geld mehr, mir etwas Neues zu kaufen“. Dazu präsentiert derjenige noch eine hochpreisige Rechnung. Auch wenn das nun auf dem Boden liegende Essen nicht dem auf der Rechnung ausgezeichneten zu entsprechen scheint und sie sich keiner Schuld bewusst sind, zahlen die meisten Opfer bereitwillig. Sie wollen ja nicht der böse Mensch sein, der einen anderen armen Menschen um sein Abendessen bringt oder seine Feier zerstört.

Am Ego kratzen

Ein weiterer Trick, der dazu dient Menschen zu etwas zu bewegen, dass sie sonst nicht tun würden, ist am Ego zu kratzen. Eingefädelt wird er durch ein Kompliment wie „Sie sind ein ziemlich cooler Typ“. Und zeigen Sie mir einen, der sich nicht geschmeichelt fühlt, wenn er etwas Nettes über sich gesagt bekommt! Wird dann im weiteren Verlauf des Gesprächs etwas verlangt, auf das man nicht eingehen will, kommt dann „Ach, Sie sind ja gar nicht so cool wie ich dachte. Schade“. Diese Aussage ärgert uns. Dennoch wollen wir das – trotz eines unangenehmen Gefühls – nicht auf uns sitzen lassen und sofort beweisen, dass wir doch „der coole Typ“ sind, für den wir gehalten wurden. Ziel erreicht.

Vorgetäuschte Liebe

Diese Technik finde ich die Perfideste von allen. Erst wird dabei eine Beziehung zum Opfer aufgebaut. Ist die Person dann Hals über Kopf verliebt, schnappt die Falle zu. Es werden blumige Geschichten erzählt, mit deren Hilfe man das Opfer zum Überweisen hoher Geldsummen bewegt. Dazu braucht das Opfer den Täter noch nicht mal live gesehen zu haben. Viele der Täter sitzen häufig in Ghana in einem heruntergekommenen Internetcafé und nutzen gestohlene Profile aus dem Internet. Meist Ärzte, Militärs, Unternehmer – mit strahlendem Lächeln und glänzender Karriere. Diese Profile haben mittlerweile sogar in Businessplattformen Einzug gehalten. Man erkennt sie mit ein bisschen Aufmerksamkeit auf den ersten Blick. Sie sind einfach too good to be true.

 

Intuition beruht auf Signalen

Intuition entsteht nie im luftleeren Raum, sondern beruht auf Signalen, die der Manipulator in irgendeiner Form aussendet. Denn das haben all meine Beispiele gemeinsam: es gab Signale, die beim Gegenüber intuitiv zu Unwohlsein geführt hatten. In der Situation kann man das Gefühl oft nicht an etwas Bestimmtem festmachen. Bei späterer Analyse wird einem meist sofort klar, was genau das Unwohlsein ausgelöst hat: Der Zettel war dreckig und abgegriffen, der Typ so ungepflegt, dass nicht anzunehmen war, dass seine Bewerbung gepflegt genug gewesen wäre, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Tonfall, Körperhaltung und geäußertes Anliegen in den anderen Beispielen waren nicht übereinstimmend, oder der Situation nicht angemessen: wieso klingt jemand, der mich um einen Gefallen bitten will, bockig-trotzig? Ein sehr valides Signal, dass etwas nicht stimmt. Auch in den anderen Fällen gab es Dissonanzen: Das Essen sah recht einfach aus (z.B. einfacher Reis mit Gemüse) und der Wein roch billig, wohingegen die Rechnung edle Produkte auswies. Diese Fakten sind uns im jeweiligen Moment nicht rational bewusst, sondern äußern sich nur als ein intuitives Unwohlsein. Auf dieses sollte man hören.

Bewusstsein ist der beste Schutz. Woran Sie Manipulation erkennen können

Zuallererst: Hundertprozentigen Schutz gegen Manipulationen wird es nie geben. Dazu sind Kriminelle zu kreativ und die menschliche Psyche zu beeinflussbar. Plus: Wir sind als Menschen soziale Wesen und haben das Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen. Das finde ich prinzipiell auch eine angenehme menschliche Eigenschaft.

Außerdem probieren es diese Manipulatoren bei derart vielen potentiellen Opfern, dass sie bei irgendeinem schon rein statistisch Glück haben werden. Weil derjenige zum Beispiel noch jung und unerfahren ist oder ganz besonders an das Gute im Menschen glaubt, einen schlechten Tag hat oder gerade nicht auf der Höhe seiner Intuition ist.

Es hilft, Zumindest ein paar der manipulativen Techniken zu kennen und sie sich immer wieder bewusst zu machen. Hier ein paar Regeln für den Umgang mit Manipulatoren:

 

1. Trust your vibes! Wenn sich etwas komisch anfühlt, ist es das auch!

Hören Sie auf Ihre Intuition, auch wenn Sie im jeweiligen Moment noch keine plausible Erklärung für Ihr Bauchgefühl haben. Diese Fähigkeit zum intuitiven Handeln hat viele Jahrtausende das Überleben der Menschheit gesichert. Intuitive Impulse sind nämlich wesentlich schneller als rationales Analysieren. Analysieren können Sie hinterher.

2. Dissonanzen in Worten und Taten sind immer ein Warnsignal für Manipulation

Lassen Sie sich daher nicht auf Diskussionen ein. Auch wenn an Ihr moralisches Gewissen appelliert wird. Machen Sie sich bewusst, dass genau dieser Mechanismus das Druckmittel des Manipulators ist. Vor allem, wenn jemand Druck ausübt, ist meist etwas faul. Lassen Sie sich niemals unter Druck setzen. Suchen Sie sich zur Not Hilfe bei einem Anwalt oder der Polizei. In Marrakesch zum Beispiel achtet die Polizei sehr darauf, dass Touristen nicht belästigt werden. Schon durch die Androhung, eine Situation gemeinsam bei der Polizei zu klären, lösen sich die meisten Diskussionen in Luft auf.

3. Informieren Sie sich. Fragen Sie jemanden, der sich vor Ort auskennt

Schildern Sie das Erlebte – zum Beispiel die Begegnung mit dem Jungen der Milch wollte. Sollte es der Fall sein, dass der Junge wirklich nur etwas zu Essen wollte, können Sie immer noch hingehen und ihm etwas spenden. Leider werden Kinder in vielen Orten von mafiösen Strukturen zum Betteln ausgenutzt. In Reiseführern und oft sogar mit Kärtchen auf den Tischen der Restaurants wird davor gewarnt, ihnen etwas zu geben. Denn die Kinder sind die letzten, die etwas von dem Geld sehen.

4. F*** the Ego

Was würden wir nicht alles tun, um das eigene Ego zu befriedigen? Vermutlich sehr viel. Sich diesen Mechanismus vor Augen zu führen, kann sehr viele Manipulation bereits im Keim ersticken. Konkret könnte man im oben genannten Beispiel sagen: „Ach schade, dann bin ich wohl doch nicht so cool wie Du dachtest. Kann man wohl nichts machen. Ich bin, wie ich bin“. Spätestens, wenn derjenige genervt oder aggressiv reagiert, wissen Sie, dass es sich um einen Manipulationsversuch gehandelt hat. Denn Ihnen wohlgesonnene Menschen können Sie so sein lassen, wie Sie sind.

5. Benennen Sie die Manipulationstechnik!

Im Falle der Drückerbande könnte man sagen „Ich sehe, Sie kennen das Konsistenzprinzip. Und auch wenn ich Ihre Fragen mit ja beantwortet habe, so möchte ich trotzdem kein Zeitungsabo. Vielen Dank“. Auch können Sie die Frage „Darf ich Ihnen eine Frage stellen“ entweder gleich mit „nein“ beantworten oder direkt fragen „Was wollen Sie?“. Das muss ja nicht unhöflich geschehen. Höfliche, bestimmte Direktheit ist ein sehr guter Schutz. Sie zeigen damit von Anfang an, dass Sie kein leichtes Opfer sind. Täter lieben leichte Opfer. Vielleicht hat sich die ganze Sache dann schon direkt zu Anfang erledigt. Das merken Sie daran, dass derjenige mit den Worten „Ach, nichts“ einfach weggeht.

6. Wenn etwas zu gut ist um wahr zu sein, ist es das meist auch nicht

Die meisten strahlend schönen erfolgreichen Menschen bedürfen nicht des Internets um jemanden kennenzulernen. Sie haben schließlich genug Interessenten in der Schlange vor sich. Trauen Sie niemandem, den Sie noch nie persönlich getroffen haben. Geben Sie niemals Kreditkartendetails an andere.

7. Vorsicht bei besonders ausgeschmückten Geschichten

Werden Sie hellhörig bei allzu blumig ausgeschmückten Geschichten. Detailreiche Ausschmückungen sind häufig ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt. Generell fassen wir uns in Erklärungen eher kurz. Detailreichtum zeugt meist davon, dass die Geschichten erfunden sind. Werden Sie hellhörig!

 

Sicherheit lebt vom Austausch!

Ich hoffe, diese Beispiele helfen Ihnen dabei, in der Zukunft Manipulationsversuche noch früher zu erkennen.

Niemand muss sich dafür schämen, einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein. Natürlich ist es super ärgerlich, wenn das eigene Vertrauen missbraucht wurde. Wut und Ärger sind angebracht. Aber grämen Sie sich nicht zu lange, sondern verbuchen es unter Erfahrung.

Sicherheit ist kein lebloses theoretisches Konstrukt. Sie lebt von praktischen Erfahrungen und Austausch. Habe Sie eigene Beispiele? Dann freue ich mich, diese zu hören. Selbstverständlich werden alle Informationen vertraulich behandelt.

Allzeit eine gute Zeit,

Ihre Ute Schneider