7 weit verbreitete Mythen rund um Selbstverteidigung

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Um Sicherheit und Selbstverteidigung ranken sich ein paar Mythen, die ich immer wieder höre und im Netz lese. Leider verbreitet sich dieses Halbwissen/ dieser totale Bullshit  schnell, was in diesem Fall zu grobfahrlässigem Verhalten führen kann.

Um den Mythen etwas mehr auf den Grund zu gehen, habe ich Michael Linak, den leitenden Instructor des Krav Maga Zentrums The Farm in Lampertheim interviewt. 

Mythos 1: Mir ist noch nie was passiert, also wieso sollte ich mir über Sicherheit Gedanken machen?

USI: Haben diese Personen vielleicht einen besonders tollen Schutzengel? Oder machen sie sich nur einfach keine Gedanken um Selbstverteidigung? 

ML: Vielen Leuten passiert auf Reisen lange Zeit nichts. Andere werden schon direkt nach Verlassen des Flughafens ausgeraubt. Die Tatsache, dass man bisher ungeschoren davonkam, schützt nicht automatisch in der Zukunft vor Überfällen, Gewalt und Betrug. Zu viel Routine kann einen in falscher Sicherheit wiegen. Immer wachsam bleiben!

Mythos 2: Ich hab früher Judo gemacht, ich hau den Angreifer einfach um 

USI: Reicht ein paar Jahre Judo oder ähnlicher Kampfsport um sich wirklich verteidigen zu können? Meine eigene Kampfsporterfahrung in Wing Chun hat mich eigentlich nur noch vorsichtiger gemacht. 

ML:  Ein wenig Kampfsportkenntnisse zu haben ist manchmal fast gefährlicher als gar keine. Denn diese machen unvorsichtig. Natürlich ist jede Art der Selbstverteidigung besser als gar keine. Nur sollte man eins nicht außer acht lassen: Das Training im geschützten Raum der Kampfsportschule – Kampfsport ist kein Nahkampf!  - in dem einem alle wohlgesonnen sind, ist nicht zu vergleichen mit Straßenkampf. Beim Straßenkampf will einem der Angreifer wirklich Böses. Sein Körper ist zudem noch voller Adrenalin und oftmals führt er eine Waffe mit sich. Man selbst ist vielleicht auch etwas aus der Übung oder steht unter Schock. Da kann man fast nicht gewinnen. Don't be a hero. 

Mythos 3: Ich stecke mir den Schlüssel zwischen die Finger. Das ist dann eine Waffe

USI: Das ist mein persönlicher Lieblings-Bullshit Mythos in Sachen Selbstverteidigung

ML: Ja, das höre ich auch relativ oft. Von Frauen und von Männern. Frage: was genau will man mit so einem kleinen Schlüssel ausrichten? Liegt ja nicht wirklich gut in der Hand. Vielleicht ein paar Kratzer applizieren. Wenn man überhaupt schnell genug ist und der Angreifer sich nicht wehrt. Ins Auge stechen? Wir Menschen haben da eine natürliche Hemmung. Was in der Theorie logisch klingt, erfordert fast übermenschliche Überwindung. Außerdem muss man erst mal ans Auge kommen. 

Mythos 4: Ich habe einen Tactical Pen/Kubotan, damit verteidige ich mich

USI: Was kann man damit ausrichten? Wie lange muss man den gezielten Umgang damit trainieren und ist die Verwendung überhaupt legal?

ML: Kubotans und Tactical Pens sind schon besser zur Gefahrenabwehr geeignet als ein Schlüssel. Wenn man damit umgehen kann. Das erfordert Training und Erfahrung. Sonst sollte man es besser lassen. Das gilt für alle Waffen. In Deutschland fallen der Tactical Pen und Kubotans zwar nicht unter das Waffengesetz., aber mit deren Verwendung bewegt man sich rechtlich im Bereich der gefährlichen Körperverletzung. Und wie beim Pfefferspray gilt auch hier: hätte man ihn im richtigen Moment griffbereit? Zum Beispiel mit einem Clip an der Hose befestigt? Hat man gelernt damit umzugehen? Wie bei Mythos 5 gilt: wenn man den Angreifer nur erzürnt, kann sich das zu den eigenen Ungunsten auswirken. Daher ist der Gebrauch fragwürdig. 

Mythos 5: Ich trete dem Angreifer einfach zwischen die Beine

USI: Reicht das aus, um jemanden außer Gefecht zu setzen und dann davonzulaufen?

ML: Das selbe hier: jeder angreifende Mann rechnet genau damit. Das heißt, er wird darauf vorbereitet sein. Ist er sehr groß, kann er Sie mit langen Armen von sich fernhalten. Dann klappt das mit dem Zutreten schon mal nicht. Selbst wenn man einen neuralgischen Punkt trifft, wird es ihn nicht ausknocken, sondern nur sehr böse machen. Ein in Rage geratener Angreifer ist kein Spaß. Gezielte Tritte und Schläge kann man allerdings lernen. Am besten ist natürlich immer noch: gefährliche Situationen meiden – also nicht nachts mit Musik im dunklen Park joggen etc. 


Mythos 6: Angreifer mit Pfefferspray außer Gefecht setzen

USI: Das gibt es mittlerweile in fast jedem Supermarkt zu kaufen. Dadurch wirkt die Verwendung des Sprays sehr sicher. Ist das so?

ML: Das mit dem Pfefferspray ist so eine Sache. Das Spray an sich ist sicher ein gutes Abwehrmittel. Die Frage ist nur: wie schnell hat man es in der (Hand)tasche gefunden? Steht die Düse in die richtige Richtung? Wie sind die Windverhältnisse? Hat der Angreifer es einem aus der Hand gerissen, bevor man es benutzen kann? In all diesen Fällen wäre die Nutzung des Sprays eher zu den eigenen Ungunsten.  Das heißt nicht, dass man keines dabei haben soll. Nur eben nicht blind darauf verlassen.  


Mythos 7: Bei Entführung die Seitenscheibe des Autos eintreten

USI: Das las ich neulich in einem Reiseblog. Mannomann. Geht das überhaupt und wenn ja, was macht man danach?

ML: Man kann eine Autoscheibe eintreten. Bei neueren Modellen splittert das Glas in viele Einzelteile. Bei älteren Modellen zerschneidet man sich bei der Aktion den kompletten Unterschenkel.

USI: In Afrika dann keine gute Wahl. Viele Taxis und andere Autos haben dort ihr „Cinquième vie“, also das fünfte Leben.

ML: Die nächste Frage ist: was macht man dann? Aus dem Fenster klettern? Bis dahin ist der Fahrer gemütlich um das Auto herumgelaufen. Wenn noch Splitter im Rahmen stecken, hätte man sich bei der Aktion auch ziemlich schwer verletzt. Während der Fahrt aus dem Auto zu springen ist auch nicht das Mittel der Wahl.

USI: Entführungen und auch Taxis sind ja ein ganz eigenes Thema. Hierbei  muss vor allem die Prävention im Fokus stehen. Be prepared!

Vielen Dank für das angenehme Gespräch.

Allzeit eine gute und sichere Zeit,

Ihre Ute Schneider 

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