Der Auslandsumzug – warum interkulturelles Training überschätzt wird

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interkulturelles Training

Dieser Tage hörte ich das Lied „Aurélie“ von Wir sind Helden, in dem es darum geht, warum Aurélie das Flirtverhalten deutscher Männer nicht versteht und daher alleine bleibt. Das bewog mich, mir mal etwas mehr Gedanken über Kultur im Allgemeinen und interkulturelles Training im Speziellen zu machen. Viele Unternehmen legen das Hauptaugenmerk bei der Auslandsvorbereitung ihrer Mitarbeiter neben steuerlichen Aspekten auf das interkulturelle Training.

Verstehen Sie mich nicht falsch, dieses Training ist sehr wichtig, um die Kultur ein bisschen zu verstehen und sich schnellstmöglich in der neuen Heimat zuhause zu fühlen. Problematisch wird es nur, wenn man sich darauf verlässt, das mit ein paar Stunden interkulturellem Training alles gut wird und man „die Anderen“ vollumfänglich versteht. Das funktioniert nicht. Aus folgenden Gründen:


Kultur ist vielschichtig

Kultur ist mehr als Sprache, Küche und Traditionen. Kultur ist eine vielschichtige Angelegenheit, weswegen zu ihrer Erklärung meist das berühmte Eisbergmodell herangezogen wird. Dieses besagt, dass nur ein Bruchteil der Aspekte einer Kultur sichtbar an der Oberfläche sind und der Rest unter der Wasseroberfläche liegt. Der Rest das sind Werte, Glaubenssätze, Prägungen. Ein bisschen davon lässt sich erahnen, wenn man sich im Detail mit einer Sprache befasst: welche Bilder werden in den Sprichworten gemalt, welche Metaphern gibt es und für welche Worte gibt es keine entsprechende Übersetzung ins Deutsche und umgekehrt. Ein Beispiel, das mir gerade einfällt, ist das deutsche Wort für Gemütlichkeit. Zumindest kenne ich keine Entsprechung dafür im Spanischen und auch das englische cosyness gibt es nur annähernd wieder.


Die Geschichte verstehen


Die Kultur, wie sie heute ist, muss auch immer im geschichtlichen Kontext betrachtet werden. Manches kann man erst in Zusammenhang und in der Rückschau verstehen, das auf den ersten Blick keinen Sinn macht. Ein gutes Interkulturelles Training gibt normalerweise Einblick in die Geschichte eines Landes. Danach macht es Sinn, sich mit Einheimischen zu unterhalten. Natürlich unter dem Vorbehalt, dass Geschichte abhängig davon ist, wer sie einem erzählt. In Spanien wurde mir das sehr bewusst.

Gespräch mit zwei Großvätern, die auf zwei verschiedenen Seiten des Guerra Civíl gekämpft hatten – und schon hat man zwei Geschichten. Das zu verstehen half mir „Ghosts of Spain“. In Vietnam unterhielt ich mich mit einem Hotelbesitzer über den Vietnamkrieg. Was mir am ausdrücklichsten in Erinnerung geblieben war, war seine Trauer, dass viele seiner Jugendfreunde im Krieg gestorben waren. Und so geht es vielen, sagte er mit Tränen in den Augen.


Sozialisierung ist ein langandauernder Prozess

Wie lange hat es gedauert, bis wir in unserer Kultur sozialisiert wurden? Also zu „vollwertigen Mitgliedern dieser Gesellschaft“ wurden? Als uns unsere Eltern, Großeltern und beflissene Lehrer etc. mit den Dos and Dont's der Gesellschaft vertraut machten. Im Beruf kam dann das Wissen um Business Etikette dazu. Es ist ein andauernder Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht. Zu erwarten, dass man das in einer anderen Kultur in ein paar Stunden erledigt haben würde, ist somit illusorisch.


In meiner Zeit in England staunte ich immer wieder über die unglaublich diplomatische Wortwahl mancher Engländer. Diese zarte Verpackung grober Inhalte wie in feinstes Seidenpapier. Großartig!! Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich das Buch „Watching the English“.


Menschen sind vielschichtig

Dann hat man ja nicht nur mit der Kultur zu tun, sondern deren menschlichen Vertretern. Das heißt, mit Individuen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie ganz individuell sind. Manche versteht man, manche nicht. Das liegt an Werten, Normen, Einstellungen, Erziehung, Glaubenssätzen, Erfahrungen, familiären Prägungen usw. Somit betrachtet jeder von uns die Welt durch seine Brille oder , wie eine befreundete Schauspielerin neulich sagte: „Hast Du 100 Zuschauer im Publikum dann hast Du 100 mal ein anderes Stück“.


Auch in Deutschland versteht man nicht alle Mitmenschen. Weil sie einfach anders sind und ein anderes „Modell der Welt haben“ wie man es im NLP nennt. Neulich fragte mich jemand: wie sind die Deutschen eigentlich so? Es fiel mir schwer, dazu etwas zu sagen. Klar, es gibt das Stereotype Bild: Wir sind fleißig, höflich, hart arbeitend, tolle Ingenieure, ehrlich und direkt - sagen die einen - unhöflich, Sandalen- und Goretexjackenträger, Barbaren (Deutsche auf Mallorca) - sagen die anderen. Wer hat nun recht? Wie immer gilt: it all depends.


Deutsch ist ja auch nicht gleich Deutsch. Jeder Mensch ist ja irgendwie eine Insel. Ich denke, es wird mehr interkulturelle Verständigungsprobleme geben, wenn man einen Bayer nach Hamburg sendet, als den entsprechenden Bayern nach Singapur, beispielsweise. Ein Film, der sich des Themas deutsche Kultur (und ein bisschen Hippie Kultur) sehr humorvoll annimmt ist „Sommer in Orange“.

Das war mein kleiner Exkurs zum Thema interkulturelles Training. Das Blogbild oben ist eine kleine Impression aus Rüsselsheim. Da hatte wohl jemand ein riesiges Problem mit Kultur so im Allgemeinen. Vielleicht hatte ihn seine Familie mit zu viel mit Opern gequält? Wir wissen es nicht. 

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Wie man sich sonst noch auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten kann um eine gute Zeit im neuen Land zu haben, können Sie meinem gratis E-book Life abroad entnehmen.


Allzeit eine gute Zeit


Ihre Ute Schneider